Was ist eine Kraftrad-Verbandtasche
Wie Mitführen
Unser Test
Die Kandidaten
Größe und Zugang
Die Beschriftung
Letztlich bleibt die Frage…
Ergebnis des Vergleichs von Erste-Hilfe-Sets
Was ist eine Kraftrad-Verbandtasche
Erste-Hilfe-Set, Ersthelfer-Set, Verbandkasten… Wie heißt denn nun so ein Ding eigentlich, das man auch als Motorradfahrer mitführen sollte?
In § 35h StVZO heißt es schlicht „Erste-Hilfe-Material in Kraftfahrzeugen“, tatsächlich finden wir die korrekte Bezeichnung unter den DIN-Normen DIN 13164 (für KFZ als „Erste-Hilfe-Material – Verbandkasten für Kraftwagen“) und in DIN 13167 (für Motorräder als „Erste-Hilfe-Material – Verbandstofffüllungen für Krafträder“).
Weil kein Mensch Verbandstofffüllungen für Krafträder sagen, -geschweige denn schreiben- möchte, heißen die Sets im Vertrieb meist „Kraftrad-Verbandtasche“ oder „Motorrad-Verbandtasche“ oder auch „Verbandtasche für Krafträder“, die Hersteller richten sich hier nach der DIN 13167 und verweisen explizit darauf.
In Deutschland ist das Mitführen für Motorradfahrer freiwillig, bei Touren ins Ausland (z. B. nach Österreich, Italien, Portugal oder Spanien) ist eine Motorrad-Verbandtasche womöglich gesetzlich vorgeschrieben! Kann ich mich in diesen Ländern auf Bestandsschutz berufen, weil ich einen Oldtimer fahre? Nein, den es handelt sich um „Mitführ- und Ausrüstungspflichten“ (wie z.B. Warnwesten und Warndreieck in KFZ) nach aktuell geltendem Recht.
Wie Mitführen
Motorrad-Verbandtaschen sind meist so kompakt, dass sie sich problemlos im Tankrucksack oder unter der Sitzbank verstauen lassen. Apropos Sitzbank: Die haben Oldtimer-Motorräder i.d.R. nicht (Schwingsattel). Wo also hin damit?
Ob das Stauen unter der Sitzbank überhaupt sinnvoll ist, würde ich laienhaft bezweifeln: Wenn ich selbst Verletzter bin, kommt ein Ersthelfer in der Regel nicht an mein Set heran, wenn es unter der Sitzbank (meist verschlossen) ist. Allen anderen „offen“ zugänglichen Staumöglichkeiten würde ich da den Vorzug geben. Einen Tankrucksack führt auch nicht jeder mit. Bleiben also nur Befestigungsmöglichkeiten direkt am Motorrad: Der Gepäckständer wäre dann wohl die erste Wahl.
Natürlich gibt es andere tolle Ideen von Motorradfahrern: Befestigung unter der Lampe, an der Gabel, an den Sturzbügeln, längs am Rahmen. Für all diese Möglichkeiten sind mindestens zwei Dinge zu bedenken: 1. Eine Befestigung z.B. mit Kabelbindern ist ungeeignet, wenn sie den einfachen Zugriff verhindert. 2. Die genannten Ideen haben alle einen Nachteil: Die Tasche ist Witterung und UV-Licht ausgesetzt. Als ehemaliger Segler weiß ich, wie schädlich sich UV-Licht auf Material auswirken kann. Auf der anderen Seite geben die Hersteller meist ein „Verfallsdatum“ von fünf Jahren an. Dann bleibt nur noch die Frage, was zuerst „schlappmacht“: Der Inhalt oder die Tasche?
Unser Test
Da unsere Gemeinschaft ohnehin einen Auffrischungskurs in Sachen Erste-Hilfe plant und unseren Mitgliedern anbieten möchte, haben wir kurzerhand zehn Anbieter von Motorrad-Verbandtaschen angeschrieben und gebeten, uns ihre Produkte zum Test zur Verfügung zu stellen. Alle Anbieter sind informiert worden, dass der Test subjektiv ist und keinen allgemeinen Normen entspricht und dass es sich bei dem Thema „Stauen“ um Oldtimer-Motorräder handelt, bei denen in der Regel keine Staumöglichkeit unter einer Sitzbank besteht.
Angeschrieben wurden:
- Purawerk GmbH mit ihrer Marke purahelp
- Hans Hepp
- Petex
- Moskomoto
- Louis
- Touratech
- Aluderm
- Holthaus
- Franz Kalff
- Leina-Werke
Die fünf Anbieter Leina-Werke, Louis (mit der Marke Moto 112), Hans Hepp, Purawerk (mit der Marke purahelp) und Touratech haben uns ein Produkt zum Test zur Verfügung gestellt. Moskomoto bot uns anstelle eines Testexemplars einen einmalig reduzierten Kaufpreis des Sets an. Moskomoto spielt allerdings auch in einer anderen Liga: Das Angebot geht über die Pflichtausrüstung lt. DIN weit hinaus und ist etwas für Fahrer jenseits der Strecken, die Oldtimer auch in ihrer besten Zeit je gesehen haben (MOTOCROSS). Daher haben wir den reduzierten Kaufpreis nicht in Anspruch genommen.
Louis hat unaufgefordert eine Warnweste dazu gepackt, vielen Dank dafür!
Leina-Werke hat es besonders gut mit uns gemeint und sechs Taschen (in zwei Ausführungen) zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns an dieser Stelle für diesen unerwarteten Support, schön dass unsere Bemühungen zum Erhalt von „Kulturgut“ gewertschätzt werden!
Touratech hat uns ebenfalls zwei Taschen (gleichen Modells) zum Testen zur Verfügung gestellt. Auch hier ein Dankeschön für die unerwartete Zuwendung.
Die anderen Anbieter haben sich leider nicht zurückgemeldet. Eine Empfehlung können wir für diese Anbieter nicht aussprechen mangels Testexemplare.
Die Kandidaten
Das Feld ist erwartet eng: Die Taschen von den vier Herstellern genügen alle der Norm DIN 13167. Eine Prüfung des Inhalts entfällt daher. Jedoch ist zu erwähnen, dass purahelp neben der DIN ein Beatmungstuch (respiratory mask) hinzufügt. Das 12er-Set dieser Tücher von purahelp kostet 11EUR bei Amazon. Wir rechnen also 1EUR Dreingabe bei diesem Set dazu.
Schauen wir uns die Sets von aussen an:
Links oben purahelp (https://purahelp.de/products/motorrad-verbandskasten-din13167),
links mitte LOUIS (https://www.louis.de/artikel/moto112-verbandtasche-kraftraeder-din-13167/10010733?filter_article_number=10010733),
links unten HEPP (https://hanshepp.de/shop/hepp-kraftradverbandtaschen/motorradverbandtaschen/artikel-41210/)
Rechts oben Leina Werke, rechts unten ebenfalls Leina Werke (Typ 1 und Typ 2, https://www.leina-werke.de/produkte/sicherheitsartikel/sicherheit-im-strassenverkehr/kraftrad-verbandtaschen-13/).
Die Touratech-Tasche (im dritten Bild im Vergleich zur Tasche von Leina-Werke) kauft man z.B. unter https://www.touratech.de/touratech-erste-hilfe-set-nach-din-13167-fuer-motorraeder.html
Da uns die Lieferung von Touratech erst nach der Veröffentlichung des Beitrags erreicht hat, in den Fotos ein Vergleich mit dem Set der Leina-Werke. Der Inhalt des Sets: von Leina-Werke. Ich hätte auch schwören können, dass die Tasche durch Leina-Werke produziert wurde, aber sie fühlt sich leicht anders an.
Für alle Taschen gibt es Nachfüllpacks, wenn der Tascheninhalt nach spätestens 5 Jahren abgelaufen ist. Diese Packs sind aber meist genauso teuer wie die originale Tasche. Und wer seine Tasche wirklich fünf Jahre an seinem Oldtimer mitgeführt und der Witterung ausgesetzt hat, wird sie dann wohl ohnehin komplett tauschen.
Größe und Zugang
Alle Sets kommen mit den nahezu gleichen Packmaßen daher. Etwa 11x15cm, die sich „quetschen“ lassen (Achtung, es ist eine Schere enthalten, das Quetschen hat also seine Grenzen!) Zwei Ausreißer gibt es:
Das Set von purahelp trägt etwas mehr auf und liesse sich wirklich nur mit viel Gewalt auf die gleiche Tiefe wie die anderen Sets pressen (vermutlich ist das zusätzliche Beatmungstuch der Grund).
Die Tasche des oberen Sets der LEINA-Werke ist größer als die Vergleichskandidaten (in rot rechts oben), obwohl in dieser Tasche „Freiraum“ ist. Man kann sie also problemlos auf die Größe der anderen Taschen reduzieren oder nutzt den freien Platz für add-ons (z.B. für ein Beatmungstuch, dass bei purahelp schon inkludiert ist). Tatsächlich handelt es sich bei dem Exemplar auch eher um eine Tüte denn Tasche.
Alle Taschen verfügen über einen Reißverschluss, der drei Seiten freilegt, ausser das zweite Modell von LEINA-Werke (in rot rechts oben): Hier ist nur eine Öffnung von oben vorgesehen.
Von der Haptik machen die Taschen der Firmen LOUIS und Hans Hepp einen wertigeren Eindruck als die übrigen Kandidaten. Die Tasche von Touratech hat definitiv eine andere Webung als von Leina-Werke, aber von der Größe sind sie identisch.
Die Beschriftung
Vorderseite
Alle Taschen verfügen auf der Vorderseite über ein mehr oder weniger angedeutetes „Rotes Kreuz“, das hoffentlich international verständlich ist. MOTO112 von Louis ist jedoch grenzwertig: Weder Farbe (orange) noch Symbole lassen erkennen, dass es sich um ein Hilfeset handelt (das Kreuz ist einfach zu klein). Louis macht den Nachteil wett, indem zumindest noch eine englische Bezeichnung des Inhalts lesbar ist.
Leina-Werke beschriften ihre Vorderseite nur auf Deutsch. Vermutlich wird die rote Tasche (oben rechts) im Ausland nicht mißverstanden, aber bei der schwarzen darunter ist das vielleicht nicht selbstverständlich.
Purahelp und Louis haben auf der Vorderseite noch die englische Beschriftung, die einem weiteren Teil der Weltbevölkerung helfen kann, das Päckchen zu verstehen. Dasselbe gilt für Touratech.
Und dann kommt noch Hepp, der es auf der Vorderseite auf fünf Sprachen schafft. Sehr gut!
Die Signalwirkung (rotes Kreuz) ist bei den Taschen von Hepp und purahelp wohl am stärksten, auch ohne den Text lesen zu müssen. Leina-Werke stilisiert das Kreuz meiner Ansicht nach zu stark: Als Analphabet mit ordentlich Adrenalin im Blut würde ich im Unglücksfall wohl zweimal auf die Tasche gucken müssen, um sie korrekt zu identifizieren.
Touratech ist bzgl. Symbolik und Beschriftung wirklich vorbildlich! Bzgl. der Farbe grenzt man sich hier gegenüber der übrigen schwarzen Taschen auf jeden Fall ab (die alle in weißer Schrift daherkommen). Einen gewissen „Aufmerksamkeits“-Charakter hat diese Farbe also auf jeden Fall, aber ein deutlich orangener oder besser roter Schriftzug wäre vermutlich geeigneter.
Rückseite
Leina-Werke platziert einen Aufkleber, der das Mindesthaltbarkeitsdatum angibt. Genauso tut es HEPP und Touratech. Louis (mit MOTO112) schreibt überhaupt nichts auf die Tasche. purahelp hat einen Aufkleber auf der Seite, dass der Inhalt regelmäßig geprüft werden sollte. Zur Beruhigung: Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird im Inhalt jeder Tasche erneut ausgewiesen.
Nur purahelp versteht es, die Rückseite für zusätzliche Informationen auszunutzen, die für einen Laien sicherlich hilfreich sind. Einzig der Hinweis auf ein Warndreieck ist bei einer Motorrad-Tasche unangemessen: Es gibt kein europäisches Land, in dem das Mitführen eines Warndreieck für Motorräder vorgeschrieben ist.
Warum nutzen die anderen Hersteller nicht auch die Rückseite der Tasche für weitere Informationen?
Letztlich bleibt die Frage…
Die Anbieter stellen schwarze und rote Sets zur Verfügung. In den meisten Fällen wäre ein schwarzes Set unauffälliger für unsere Oldtimer. Im Widerspruch steht die Sichtbarkeit eines roten/orangenen Hilfesets im Fall eines Unfalls. Das muss vermutlich jeder selbst entscheiden. Leina-Werke bietet die Tasche auch in blau an (erhältlich über ATU).
Und warum gibt es konsequent an allen Sets keine Laschen, über die man das Set z.B. per Kabelbinder mit dem Motorrad verbinden kann? Im Notfall könnte dann ein Helfer das Set „abreissen“, wobei die Laschen nachgeben würden.
Wo platziere ich das Set, wenn ich ggf. gar keinen Gepäckträger oder Sitzbank zum Stauen habe? Bei meiner BMW R25/2 fällt mir nur eine Montage am Rahmen im Bereich des Hinterrads ein. Aber wie soll ich es so befestigen, dass man es im Zweifel nutzen kann? Laschen oder Ösen zur Befestigung wären extrem hilfreich.
Auf den Webseiten des Herstellers Leina-Werke sind auch Produkte in einer Ausführung „mit Klett“, wobei auf den Bildern nicht erkennbar ist, wo sich dieses Klett genau befinden könnte. Wir haben jedenfalls eine Tasche „ohne Klett“ erhalten.
Möchte man das Set aussen am Motorrad befestigen, braucht es Zusatzlösungen. Eine Klett-Lösung mit Klett-Trägerplatte wäre hier eine Variante (rip-away) oder man verpackt das Set in eine besser geeignete Tasche, in dem Falle wäre es für den Ersthelfer aber schwerer aufzufinden, wenn nicht z.B. mit einem deutlichen Aufkleber darauf verwiesen wird.
Ergebnis des Vergleichs von Erste-Hilfe-Sets
Wir hatten vier Kandidaten. Schauen wir uns die Preise an:
- Leina-Werke verlangt circa 8,99EUR (über den Abholservice bei ATU, inkl. Versand natürlich deutlich teurer, auch hier „ohne Klett“)
- Louis nimmt ebenfalls 9,99EUR für die eigene Marke MOTO112
- purahelp nimmt 10,97EUR (darin enthalten ist zusätzlich das Beatmungstuch im Wert von circa 1EUR)
- HEPP (über Louis) verlangt 12.99EUR
- Touratech ist preislich deutlich an der Oberkante: 14,99EUR
Hans Hepp, Leina-Werke und touratech bieten ihre Sets in schwarzer Farbe an, was unserem Oldtimer-Look zuträglich ist, wenn sie aussen gestaut werden müssen. Die anderen Kandidaten sind rot/orange. Aus Sicherheitsgründen sind diese Warnfarben natürlich zu bevorzugen.
purawerk nutzt die Rückseite der Tasche für zusätzliche Informationen, dafür ein deutliches Plus! (auch wenn der Hinweis auf ein Warndreieck bei Motorradtaschen fehl am Platz ist). Kein anderer Hersteller hat diese zusätzliche Fläche für weitere Informationen erkannt.
Sowohl purawerk, touratech als auch LOUIS mit ihrer Marke moto112 schreiben auf der Vorderseite in Deutsch und Englisch. Ein Vorteil für Fahrer im Ausland. Hans Hepp nutzt insgesamt fünf Sprachen und ist in der Hinsicht „Internationalität“ ungeschlagen.
Bzgl. der Taschengröße schlägt Leina-Werke (150x100x50mm) den Hersteller Hans Hepp (155x140x40mm): Die schwarze Tasche ist geringfügig kleiner.
Für alle Hersteller muss man leider attestieren: Die Sets sind für das Verstauen unter der Sitzbank oder anderen Bereichen gedacht (Tankrucksack, Satteltaschen, am Mann). Oldtimer haben in der Regel maximal einen Gepäckträger. Um das Set aussen zu montieren und damit für Ersthelfer verfügbar zu machen, braucht es m.E. zwingend Montage-Laschen oder -Ösen, um es z.B. am Rahmen so zu montieren, dass es für einen Helfer sichtbar/nutzbar/erreichbar ist.
Aus meiner Sicht ist Leina-Werke der Favorit: Der Preis ist der günstigste. Beim Erwerb sollte man jedoch die Variante mit dem Reißverschluss über drei Seiten bevorzugen. Der Nachteil der wenig internationalen Bezeichnung auf der Vorderseite ist vernachlässigbar für Oldtimer-Fahrer, die sich nur in Deutschland aufhalten. Leider nutzt der Hersteller nicht die Rückseite für weitere Hilfestellungen im Schadenfall, aber auch hier gilt für uns: Preis schlägt bedruckte Rückseite.
Wer seine Verbandtasche wirklich dem Wetter aussetzt und aussen transportiert, kann auch die Produkte von Hepp (schwarz) und Louis (orange) probieren, die Qualität der Taschen macht einen solideren Eindruck als bei den anderen Kandidaten.
Touratech rangiert leider am unteren Ende unserer Empfehlungen: Der Preis ist deutlich zu hoch. Man muss jedoch erneut betonen, dass Touratech eine schwarze Tasche mit gelb/orangener Schrift anbietet, wogegen die anderen Hersteller schwarzer Taschen mit weißer Schrift arbeiten. Einen Aufmerksamkeits-Effekt bei Wahl einer schwarzen Tasche kann man also Touratech nicht absprechen.



